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Großes Töten: 30-jähriger Krieg als Sprechblasen-Abenteuer

Thomas, der Trommler: Ausschnitt aus einem Comic-Bild.

(30.01.2012)  Bildergeschichten einst und jetzt: Comic-Schatzsuche mit Peter Wiechmann heute zur Landsknechte-Geschichte „Thomas, der Trommler“


(jel) – Schwedenschanze, Petersburg, Steckenpferdreiten: Der 30-jährige Krieg (1618–1648 ), die ab 1641 in Osnabrück und Münster geführten Friedensverhandlungen und schließlich die Verkündigung des Westfälischen Friedens von den Rathaustreppen in den beiden Nachbarstädten im August und September des Jahres 1648 sind bis heute allgegenwärtig in Osnabrück.
Straßennamen wie „Schwedenschanze“ und „Petersburg“ gehen direkt auf den Krieg und die Geschehnisse in der Hasestadt zurück. Und in Erinnerung an den Westfälischen Frieden ziehen die Osnabrücker Viertklässler alle Jahre wieder auf Steckenpferden über die Rathaustreppe.

Wer mehr über das große Töten um die Frage nach der richtigen christlichen Religion und die Vormachtsansprüche der früheren europäischen Staaten wissen will, dem in einigen Landstrichen zwei Drittel der Bevölkerung zum
Opfer fielen, kann auf Geschichtsbücher, wissenschaftliche Monografien und sogar Theaterstücke (etwa: Schillers „Wallenstein“) zurückgreifen. Wer es gerne spannend mag, führt sich Peter Wiechmanns Comic „Thomas, der Trommler“ zu Gemüte: Der Altstar des deutschen Bildergeschichtenwesens hat den 30-jährigen Krieg bereits vor Jahrzehnten als akribisch recherchiertes Geschichts-Comic aufgearbeitet.

Comic-Schatzsuche mit Peter Wiechmann
Comic-Schatzsuche mit Peter Wiechmann
Comic-Schatzsuche mit Peter Wiechmann

Comic-Schatzsuche mit Peter Wiechmann (23)



Erstmals 1978/1979 als Serie im wöchentlich erscheinenden Comic-Magazin „Yps“ veröffentlicht, liegt sein gezeichneter Abenteuerroman seit 2009 neu als durchgehende Geschichte in einem Sammelband vor, der im Ludwigsburger Verlag Cross Cult erschienen ist. Das Buch enthält auf 160 Seiten alle 15 Serienepisoden. Wiechmann hat sie für die Neuveröffentlichung komplett neu getextet und mit neuen Hintergrundgeschichten versehen. „Die Aufarbeitung war zwingend notwendig. In Yps waren die einzelnen Folgen immer mit einer Nacherzählung der Vorgeschichte versehen. Außerdem haben sich in der Zwischenzeit viele neue Erkenntnisse über den ‚Teutschen Krieg‘ ergeben, die ich mit aufgenommen habe“, sagt der Comic-Macher, dessen Sammelband bei seiner Veröffentlichung als eine der ersten „Graphic Novels“ aus Deutschland gelobt wurde, also als besonders anspruchsvolles illustriertes Werk.

Wiechmann erzählt die Geschichte des jungen Grafensohns Thomas, der mit ansehen muss, wie seine Eltern bei einem brutalen Überfall getötet werden. Thomas überlebt das Massaker als einziger. Er wird von dem Feldwaibel Geronimus aufgelesen, der ihn in einen Voraustrupp des Landsknechte-Heeres des Feldherren Tilly aufnimmt. Der junge Adelige findet sich mit seinem Schicksal ab und behauptet sich dank seines Einfallsreichtums rasch im Kriegsgeschehen. Er steigt vom Trommlerjungen zum Anführer einer kleinen Soldatengruppe auf. Zunächst kämpfen Thomas und seine Gefährten an der Seite Tillys für die katholische Liga. Später sagen sich sich los und werden zu Freischärlern, die zwischen allen Fronten stehen und schließlich in beiden Lagern als Vogelfreie gelten. „Im Namen des Herrn zur Hölle“, lautet der Untertitel des Comic-Buchs.

Den Gräueln des Krieges setzt der Trommler seinen Einfallsreichtum, Gerechtigkeit, Milde und Menschlichkeit entgegen. Wiechmann lässt seine Geschichte in Eschwege spielen, der nordhessischen Kleinstadt, in der er selber aufgewachsen ist. Ebenso wie die Handlungsorte sind auch viele Ereignisse an die Wirklichkeit angelehnt oder direkt übernommen. So hat Wiechmann etwa das vom kaiserlichen Kommandanten Isolani und seinen Truppen gelegte Feuer, das Eschwege am 20. April 1637 weitgehend zerstörte, in die Geschichte eingearbeitet. Wiechmann führt den Lesern die Lebensumstände der von Not und Entbehrungen gebeutelten Menschen und die Schrecken des Krieges anschaulich vor Augen. Kampfszenen und eine spannende Abenteuerhandlung bestimmen die Geschichte, sachkundige Leser können sich darüber hinaus an vielen Anspielungen auf historische Ereignisse und Persönlichkeiten erfreuen.

Die Sprache in den Sprechblasen und Erklärtexten ist stimmig mit vielen altertümlichen Begriffen versehen, die erklärt werden. Auch in den Hintergrundberichten zu den Episoden liefert der Autor Erklärungen und Fachwissen zu den Ereignissen, die er jeweils beschreibt. Das Tagebuch des Söldners Peter Hagendorf aus dem 30-jährigen Krieg hat er darin ebenso aufgegriffen wie eine historische Beschreibung der Belagerung einer Stadt.

Es waren erneut spanische Zeichner, die „Thomas, der Trommler“ nach den Szenarien und Vorgaben von Peter Wiechmann aufs Papier gebracht haben. Die ersten 5 Folgen (bis Seite 54) stammen von Josep Gual (der u.a. Disney-Comics für Ehapa gezeichnet hat), die Folgen 6 bis 15 hat Juan Sarompas (Tex & Mex, James Bond-Comics) verwirklicht. Sie haben die Geschichten in einem harten schwarz-weißen Strich mit vielen Details gezeichnet, der typisch für die Abenteuerserien aus den 1970er Jahren ist und gerade in einem Geschichtscomic authentisch wirkt.

Bei allem Anspruch an historische Echtheit ist „Thomas, der Trommler“ aber kein Geschichtsbuch, Wiechmann und seinen Zeichnern ist eine ausgewogene Mischung aus Anspruch und Unterhaltung gelungen, die Spannung liefert und für junge ebenso wie für ältere Leser geeignet ist. Bei Cross Cult ist aus der Serie ein sorgfältig auf dickem Papier gedruckter Prachtband mit Hardcover-Einband geworden. Comic-Freunde aus der Friedensstadt können ruhigen Gewissens zugreifen.

PR-Foto, Quelle: Wiechmann


Peter Wiechmann: Kindheit als Quell der Inspiration
Meine Kindheit und Jugend in Eschwege fiel in die wilde Nachkriegszeit – die ich später auf 1 020 Druck-Seiten einem 3,5 Kilogramm schweren Wälzer für meine Kinder und Kindeskinder anvertraute. In der neuen E-Book-Version von Feuer & Flamme wurden daraus gar 1 800 Seiten. Rückblickend betrachtet, ist diese Zeit Fundus und Quelle für meine Arbeit als Comic-Autor. Ob Fix und Foxi, Bens Bande, Thomas der Trommler oder Dietrich von Bern – immer standen meine Erlebnisse, frühen Abenteuer und Erkenntnisse Pate. Ich wuchs in Freiheit dressiert auf und dementsprechend schillernd, gefährlich, unglaublich verliefen die Ausfahrten in die Jagdgründe um Eschwege herum. Was ich sagen will: Fantasie war für mich größten Teils übertragene Erinnerung! Ein Glücksfall für den Schreiber und Serien-Erfinder!

Peter Wiechmann: Geschichte oder Fiktion?
Geschichtsschreibung basiert auf überlieferten Zeugnissen, auf konkreten Funden, auf Recherche und auf – Spekulation. Als Comic-Autor nutzte ich die bestehenden Erkenntnisse als roten Faden für meine Geschichts-Geschichte aus dem 30-jährigen Krieg. Und ich brachte Schauspieler auf die Bühne. Figuren, die rollengerecht in dieses Kriegs-Drama passten: Kriegsherren, Söldner, Marodeure, Opfer, Verräter, Überläufer – wie in jeder anderen kriegerischen Auseinandersetzung davor, danach und in Zukunft wieder. Der 30-jährige Krieg ist ein drastisches Beispiel für scheinheiligen Kriegsgrund und das Töten im Namen eines Gottes, dessen Segen gleich zwei Parteien im Ringen um weltliche Macht erflehen. Meine Protagonisten geben der Handlung die Sprache der Wissenden.

Peter Wiechmann: Nachts im Heimatmuseum
Mein Bezug zu „Thomas der Trommler“? Aus Platzgründen nenne ich hier nur den auslösenden Impuls: Als Achtjähriger schlüpfte ich 1948 mit meinem Vetter in die Gruft des ausgelagerten Heimatmuseums Eschweges. Wir schlichen, stolperten durch eine unaufgeräumte Abstellkammer der Weltgeschichte. Faustkeile, Totenschädel, Rüstungen, zerfetzte Fahnen, Degen, Lanzen und zwei schlanke Reiterpistolen an der Wand. Wir kamen in heftige Versuchung, unsere Hände waren schon griffbereit – als eine nette Stimme hinter uns aufklärte: „Schöne Stücke – aus dem 30-jährigen Krieg!“ Es war der Museumsdirektor, der die traurige Unordnung seiner Schätze kontrollierte und der uns in der Folgezeit über die scheinbar unabänderlichen Zyklen von Krieg und Frieden aufklärte. Für unsere Ohren Abenteuergeschichten …

Weblinks:
Verlag Cross Cult: Thomas, der Trommer: http://www.cross-cult.de/history-titeldetails/items/comic-thomas-der-trommler.html
Peter Wiechmann im Web: http://www.peter-wiechmann.de/