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Die Lektion heißt: Sich nicht in seinem eigenen Mythos verlieren
Helen Schneider steht jetzt als June Carter gemeinsam mit Gunter Gabriel als Johnny Cash auf der Bühne – am 23. 2. auch in Osnabrück. PR-Foto
(04.02.2012) ON-Interview mit Helen Schneider (59) – Mit Gunter Gabriel und Johnny-Cash-Musical auf Tournee
Von Thomas Achenbach (Osnabrücker Nachrichten)
Osnabrück (ON) - Man kennt sie als Rock-Röhre auf Tour mit Udo Lindenberg, als Musicalstar auf der Bühne (u. a. des Theaters des Westens in Berlin), einige wenige kennen auch ihre Kinderbücher. Aber wenn die 59-jährige Helen Schneider am 23. 2. als June Carter im Musical "Hello, I'm Johnny Cash" auf der Bühne der Osnabrückhalle stehen wird, betritt selbst diese versierte Vielkönnerin musikalisches Neuland, denn mit Country hat sie sich noch nicht beschäftigt. Am Telefon sprach sie mit den ON über die Lektionen, die in jeder Rolle stecken, über ihre musikalischen Projekte - und darüber, warum plötzlich ihr Hund im Hintergrund Radau machte....
ON: Helen Schneider, haben Sie den Film „The Artist“ schon gesehen?
Schneider: Nein, noch nicht. Ich weiß auch noch sehr wenig darüber, muss ich gestehen.
Das ist ein Stummfilm, nur mit Musik, aber eben ganz aktuell gedreht. Es geht um einen alternden Filmstar, der wegen des aufkommenden Tonfilms seine Berühmtheit zu verlieren droht – das dürfte Ihnen bekannt vorkommen. Im Musical „Sunset Boulevard“ haben Sie ja eine fast identische Rolle gespielt.
Oh ja, stimmt, die Norma Desmond. Wissen Sie: bei jeder Rolle, die ich annehme, versuche ich sicherzustellen, dass ich aus der Rolle etwas für mich lernen kann. Meistens klappt das auch. Und die Norma Desmond ist ein Lehrstück dafür, wie man es als Darsteller nicht machen soll: Sie kann nicht damit umgehen, dass sie altert, sie kann nicht damit umgehen, dass sich die Zeiten geändert haben, sie ist verloren in ihrem eigenen Mythos. Und ich hoffe sehr, dass ich diese Lektion gut gelernt habe und dass es mir niemals selbst so gehen wird.
Etwas aus jeder Rolle lernen… – aktuell spielen Sie ja die June Carter, die Ehefrau von Johnny Cash. Wo ist die Lektion in dieser Rolle?
Vor allem hatte ich jede Menge Respekt vor June Carter als Person. Ihre Liebe zur Bühne, ihre Leidenschaft, sich selbst zu präsentieren in einer sehr disziplinierten Art und Weise, damit kann ich mich gut identifizieren – aber auch mit der großen Liebe, die sie zu Johnny Cash entwickelt hat, obwohl er eben nicht immer so diszipliniert gewesen ist. Dass sie sich trotzdem immer wieder für diese Beziehung eingesetzt hat, davor habe ich großen Respekt. Das war ihr Hauptthema. So etwas habe ich auch erlebt. Eine unheimlich reizvolle Person.
Das musikalische Repertoire von Helen Schneider hat ja fast schon jede Stilrichtung dabei gehabt: Blues, Rock, Musical, Chansons, Swingmusik, Easy Listening, nicht zuletzt die Theatermusik von Brecht und Weill. Und jetzt Country. Was haben Sie für eine Beziehung zu Country? Mögen Sie Country?
Es stimmt schon, ich hatte zuvor noch nie Country-Musik gesungen. Jedenfalls keinen reinrassigen Country, natürlich habe ich Nummern gesungen, die als Crossover zwischen Country und Blues und Pop angesiedelt sind. Country war bislang nur meine Lieblingsmusik für lange Autoreisen. Es ist wirklich die perfekte Musik zum Autofahren. Mehr kannte ich nicht. Das war auch einer der Gründe, warum ich die Rolle interessant gefunden habe. Und ich war überrascht, welche Reinheit und Kraft diese Musik haben kann.
Es gibt den großartigen Film „Walk The Line“, der das Leben von Johnny Cash beschreibt, mit Reese Witherspoon als June Carter. Den kennen Sie bestimmt?
Ja. das war ein wundervoller Film. Er erzählt diese wunderbare Liebesgeschichte.
Aber das Musical, mit dem Sie jetzt auf Tour sind, ist etwas ganz anderes, oder?
Was wir zeigen, ist eher so eine Art Konzert-Theaterstück. Es gibt einige Monologe und nur wenig szenische Darstellungen, eingebettet sind die aber in ein Konzert. Es ist ein bisschen abstrakt. Und ich glaube, dass es Gunter Gabriel und mir gut gelingt, diese Charaktere und ihre Beziehung zueinander darzustellen. Naja, und die Geschichte ist eben die Geschichte, die kannst Du nicht verändern, sie ist so, wie sie gewesen ist.
Gunter Gabriel ist Johnny Cash – ein Kollege wie jeder andere oder ein spezieller?
Oh, ich glaube, kein Kollege ist jemals wie der andere, jeder ist etwas ganz Spezielles. Dieses Johnny-Cash-Projekt ist natürlich etwas Ungewöhnliches, weil Gunter keinerlei Schauspielerfahrung hatte, bevor wir losgelegt haben. Ich bewundere seinen Mut und sein Verlangen danach, auch in etwas ganz Neues hineinzuspringen. Davor habe ich große Respekt. Und er ist tatsächlich eine sehr interessante Bühnenperson (lautes Bellen im Hintergrund).
Hui, da ist ja was los. Ist das ein Hund?
(lacht) Ja, ich habe einen kleinen schwarzen Mops und wir sind gerade in einer fremden Wohnung zu Gast. Also ist sie natürlich bei jedem Ton sehr nervös. Sie versucht natürlich mich zu schützen…
Der Hund kommt immer mit auf Tour?
Nicht auf die Johnny-Cash-Tour, das sind nur ein paar Tage, dann komme ich zurück, das ist ein bisschen zuviel für sie. Aber jetzt aktuell sind wir in Stuttgart für ein Projekt, das 3 Wochen dauert, da nehme ich sie mit.
Nochmal rasch zurück zu June Carter, oder besser: June Carter Cash. Was ganz wenige wissen: Sie hat auch komponiert. Einer der größten Hits von Johnny Cash stammt aus ihrer Feder: Ring Of Fire. Sie selbst haben es ja auch mal mit dem Komponieren von Songs versucht, aber bald festgestellt, dass das nicht so wirklich etwas für Sie ist.
Ja, ich hatte ein bisschen Erfahrung damit. Ein paar Dinge waren künstlerisch sogar erfolgreich - und wenn ich sie heute höre, denke ich, hey, ist ja gar nicht so schlecht. Aber mir persönlich hat es wenig gebracht, also habe ich nicht weitergemacht. Es war einfach nicht so reizend für mich, das zu tun.
Dann lieber Kinderbücher schreiben….
(lacht) Yes! Wir arbeiten gerade an einem neuem Buch, Linda Uruburu und ich. Diesmal illustre ich das Buch aber und schreibe nicht mit. Wir sind mitten in der Arbeit.
Ach, Sie malen auch?
Ja, habe ich immer gemacht. Aber das war bislang immer ein privates Thema für mich, nichts Offizielles.
Und wie ist das mit dem Klavierspielen? Das haben Sie ja auch studiert.
(lacht) Ach, das ist total privat! Ich brauche auch als Künstlerin so ein paar Ecken, die nur für mich sind und wo niemand darüber urteilt, ob das gut oder schlecht ist, was ich da mache. Das ist so ein Bereich, wo ich mich ganz einpacken darf und mich in eine andere Welt begebe. Das bringt mir ganz viel und es interessiert mich überhaupt nicht, mich damit in die Öffentlichkeit zu begeben.
Ihre erste Rolle war die Sally Bowles im Musical „Cabaret“ in Berlin, das war Ihr Durchbruch hier.
Das war meine erste Rolle in Deutschland, aber nicht meine erste Rolle überhaupt. Nachdem ich aus der Schauspielschule gekommen war, hatte ich in den USA schon als Schauspielerin gearbeitet.
Eine schwierige Rolle, ein sehr differenzierter Charakter. Sally Bowles ist ja im Grunde nicht wirklich nett…
Naja, nett ist vielleicht etwas zu einfach, Sally war kompliziert. Ich hatte aber einen wunderbaren Regisseur damals - Helmut Baumann. Das war eine phantastische Erfahrung.
Mit Helmut Baumann als Intendant des „Theaters des Westens“ in Berlin – eine Aufbruchszeit für das deutsche Theater. Es war jedenfalls eine sehr prägende Zeit für das Musical in Deutschland – noch lange vor „Cats“ und dem Phantom und Co. Hat man das damals auch gespürt? Lag etwas Besonderes in der Luft?
Oh Mann, für mich war es auf jeden Fall etwas ganz Besonderes. Das war meine erste Arbeit auf Deutsch, ich stand mit all diesen großen Namen auf der Bühne, ich habe Blut und Wasser geschwitzt, das war in jeder Hinsicht eine besondere Herausforderung für mich. Das ist für ewig in mein Gehirn eingebrannt.
Haben Sie noch Kontakt zu Helmut Baumann?
Oh ja, er ist ein sehr lieber Freund geworden und ist es noch. Wir haben sogar Weihnachten zusammen gefeiert im vergangenen Jahr gefeiert. Und im vergangenen Sommer bin ich mit Helmut zusammen in einer ganz besonderen Inszenierung von Sunset Boulevard aufgetreten. Er hat den Max von Meyerling gespielt, den Butler und den Beschützer von Norma Desmond. Eine sehr interessante Beziehung.
Das war im vergangenen Sommer auf der Freilichtbühne in Bad Hersfeld – auch schon mal nach Tecklenburg geschielt oder dort ein Musical gesehen?
Nein, da war ich noch nie. Die Norma Desmond war erst meine zweite Erfahrung mit Freilichtbühnen. Zuvor hatte ich dort Evita gemacht, das ist 3 Jahre lang gelaufen. Ich liebe Bad Hersfeld, es hat einen wahnsinnigen Zauber. Aber ich war noch nirgendwo anders auf einer Freilichtbühne.
Steht im Sommer 2012 wieder ein Open-Air-Auftritt für Sie auf dem Plan?
Nein, diesen Sommer stehe ich in einer Uraufführung bei den Kammerspielen in Hamburg auf der Bühne. Das ist eine Geschichte, die auf dem Leben von Coco Schumann basiert.
Sie haben jetzt viel Musical gemacht, ein Swingalbum gemacht, jetzt Country als June Carter. Wie ist es mit Rockmusik, wie zu alten Zeiten – werden Sie da mal wieder etwas machen?
Ich bin relativ flexibel. Wenn es Sinn hat und es gibt ein interessantes Projekt, dann mache ich es gerne. Also warum nicht. Wer weiß, was passiert? Ich habe über die Jahre gelernt, niemals nie zu sagen. Ich bin jedenfalls offen für alles, was vorbeikommt. Es muss halt zeitlich passen.
Und Musical? Bleiben Sie dabei? Sie haben ja eine Menge der großen Frauenrollen des Musicals schon gemacht. Sally Bowles, Norma Desmond, Evita Peron – so viel bleibt da nicht.
Victor/Victoria habe ich auch gemacht. Und Frida Kahlo war ich auch schon, auch in einem musikalischen Theaterstück. Es gibt nicht mehr so viele, das stimmt.
Grizabella? Aus Cats?
Oh nee, hab ich noch nicht gemacht. Interessiert mich aber auch nicht so sehr…. (lacht).
Oder Roxy Hart – aus Chicago?
Ach, wissen Sie – ich tanze nicht ganz so gut. Leider. Sonst wäre das eine tolle Rolle!
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